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«An Weihnachten ist die Einsamkeit fettgedruckt!»

Rita Suppiger (63) ist Geschäftsleiterin bei der Berner Stelle der Dargebotenen Hand. Sie und eine freiwillige Telefonberaterin haben uns erzählt wie es beim Sorgentelefon 143 zu und her geht und warum die Zeit um Weihnachten für Einsame besonders schwierig ist.

«Soll ich heute meinen Schirm mitnehmen oder nicht?». Es gäbe eine Frau, die immer wieder mit dieser Frage anrufe, erzählt Fiona – unter diesem Namen arbeitet sie anonym beim Sorgentelefon143. Dahinter stecke Einsamkeit. Die Frau habe ihren Mann verloren und könne ihn nicht mehr fragen, was sie in dieser oder jener Situation tun solle. «Klar, raten wir zum Schirm wenn es draussen in Strömen regnet.» Doch grundsätzlich ginge es beim Sorgentelefon nicht darum, Ratschläge zu erteilen, erklärt Rita Suppiger, die Geschäftsleiterin der Berner Stelle. «Wir suchen nach Ressourcen und setzen auf aktives Zuhören.» Dabei komme eine Fragetechnik des Psychotherapeuten und Autors Steve de Shazer (1940-2005) zum Einsatz. Beim ressourcenorientierten Fragen fokussiere man sich nicht auf das Problem sondern auf etwas Positives, einen Lichtblick, so Suppiger. «Wenn jemand bei uns anruft und dann etwas ruhiger oder zufriedener wieder auflegt haben wir eines unserer Ziele erreicht.» Fiona wird oft auch im Alltag angesprochen und mit grösseren und kleineren Nöten konfrontiert. «Es ist als würden die Leute merken, dass ich gut zuhören kann.» Das Zuhören sei gerade in unserer Zeit, in der viele Leute auf sich selbst fixiert seien, ein sehr wichtiger Wert beim Sorgentelefon, fügt Suppiger an. Suppiger selbst ist vor allem mit Führungsaufgaben beschäftigt greift aber in regelmässigen Abständen selbst zum Telefon, um das Verständnis für die Basis nicht zu verlieren. Einmal habe sie eine Frau am Telefon gehabt, die während zwanzig Minuten erzählt habe, warum in ihrem Leben gar nichts mehr gehe. «Als ich sie fragte, ob sie gerne schreibe, ging ein Fenster auf». Die Frau, die an schlimmen psychischen Krankheiten litt, erzählte Suppiger, dass sie angefangen habe ein Buch zu schreiben, aber schon lange keine Energie mehr dafür aufbringen könne. Bevor sie auflegte versprach die Frau sie würde jetzt eine Seite an diesem Buch weiterschreiben. «Solche Geschichten sind kleine Erfolgserlebnisse für uns», führt Suppiger aus.

Ein Weihnachtslied am Telefon
Die Berner Stelle der Dargebotenen Hand gibt es seit 1959. Die Gründung war unter anderem eine Reaktion auf eine Suizidwelle, die nach dem Krieg das Land erschüttert hatte. Seit den Anfängen war Einsamkeit ein grosses Thema beim Sorgentelefon. Während es heute alleinerziehende Mütter etwas einfacher hätten und die Suizidrate zwar immer noch erschreckend hoch, aber leicht im Sinken begriffen sei habe sich das Thema Einsamkeit eher noch verstärkt, erklärt Suppiger. Das liege an den vielen Single-Haushalten und auch an den psychiatrischen Institutionen, die teils geschlossen wurden oder aus Personalmangel Patienten viel zu früh entliessen. «Viele Leute mit Angststörungen rufen nachts bei uns an, weil sie nicht schlafen können.» Eine Akzentuierung während der Adventszeit stellt sie persönlich nicht fest. Es gäbe allenfalls einen Fokus auf familiäre Probleme. Die Besonderheit der eigentlichen Feiertage hingegen spürt man laut Fiona durchaus beim Sorgentelefon: «An Weihnachten ist Einsamkeit fettgedruckt.» Einsamen Menschen werde dann ganz besonders bewusst, dass sie ausgeschlossen seien. Auch Menschen, die jemanden verloren hätten, spürten den Schmerz an diesen Tagen stärker. Man sehe Leute mit Tannenbäumen und Päckli umherhasten und blicke in viele hellerleuchtete Stuben. «Viele alte Menschen denken dann an früher», so Fiona. Auch in solchen Situationen suchen die Beraterinnern und Berater des Sorgentelefons nach Ressourcen. «Ich habe sogar mal mit jemandem am Telefon gesungen», erinnert sich Fiona. Die Dame habe erzählt dies früher immer so gerne getan zu haben. «Wer nicht alleine feiern möchte bekommt auch konkrete Vorschläge mit Angeboten, die wir durch das Jahr hindurch sammeln», so Suppiger. Verschiedene Institutionen wie etwa die Heilsarmee offerierten Angebote. Während einige mit Einsamkeit kämpften seien andere durch die Familie gestresst. Weil sie soviel sollten oder müssten. Beim Sorgentelefon begegnet man ihren Nöten mit Empathie und Engelsgeduld.

Helen Lagger

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