Ohne ihn würde die Zeit in Bern im wahrsten Sinne des Wortes stehen bleiben. Markus Marti sorgt seit vier Jahrzehnten dafür, dass Chronos, Hans von Tann und der Hahn die Zeit vom Zytgloggeturm aus korrekt verkünden – auch während der Zeitumstellung.

Bald kommt sie wieder, die Zeitumstellung. Am kommenden Wochenende wird die Uhr eine Stunde vorgestellt. Während bei modernen Uhren und Smartphones dieser Sprung automatisch vonstattengeht, so gilt dies nicht für die bekannteste Uhr in Bern – dem Zytglogge. Markus Marti ist seit mehr als 40 Jahren der Zytglogge-Richter und damit zuständig, dass alles rund läuft. Die Zeitumstellung im Frühling ist dabei die aufwendigere. «Im Herbst kann ich die Zeit ganz einfach eine Stunde anhalten», und deutet dabei auf die Sekunden-Kugel, die im Zytgloggeturm im Sekundentakt hin und her schwingt.

«So schlägt die Uhr dann halt einmal falsch.»

Jetzt, im Frühling, werde es etwas komplizierter, da er die Uhr eine Stunde vorstellen muss. Dazu lässt er ein Rad im grossen, mechanischen Uhrwerk schneller durchlaufen. So hat er die Uhr innert weniger Minuten vorgestellt. Allerdings, so verrät er, stehe er dazu nicht um zwei Uhr in der Nacht hier. «Ich erledige das bereits kurz nach Mitternacht, so schlägt die Uhr dann halt einmal falsch», lächelt er verschmitzt.

Viele ungeklärte Fragen
Auf die Frage, ob er sich als «Herr über die Zeit» sieht, schüttelt Marti bescheiden den Kopf. Der Zytglogge-Richter steht nicht gerne im Mittelpunkt, soviel ist klar. Viel lieber erzählt er über den Zytglogge und das Glockenspiel. In den 41 Jahren als Zytglogge-Richter hat Marti durch Eigenrecherche ein immenses Wissen über «seine» Uhr, angehäuft. Damit könnte nicht nur dieser Artikel mehrere Seiten füllen, man könnte gleich mehrere darüber schreiben – was Marti auch gemacht hat. Drei Bücher hat der gebürtige Seeländer über die Geschichte und Funktionsweise der Zytglogge verfasst. Es gibt aber auch Fragen, da weiss Marti keine Antwort drauf – etwa, wer Hans von Tann, die Figur, die im Turm auf die Glocke schlägt, war. Nur Vermutungen kann er dazu abgeben. «Es könnte sich um eine Anspielung auf Hans Tann handeln, der vor dem Bau der Uhr dafür zuständig war, in Bern die Zeit zu verkünden.» Beweisen könne er dies aber leider nicht, zu lange ist alles her.

«Wenn die Uhr stehen bleibt, muss ich sofort ausrücken.»

Neben der Zeitumstellung hat der Zytglogge-Richter aber natürlich auch andere Aufgaben, die er wahrnehmen muss. «Aufziehen, richten und instand halten.» Die Uhr aufziehen sei dabei das Anstrengendste. «Fünf, gesamthaft 400 Kilo schwere Gewichte, müssen jeden Abend wieder in den Turm hochgezogen werden, das dauert jeweils etwa eine Viertelstunde», erklärt Marti. Mit seinen 74 Jahren stosse er dabei langsam an seine körperlichen Grenzen, gibt er zu. «Aber ich mache solange weiter, wie ich kann.»

Viel Leidenschaft
Begonnen hat alles 1978, als der studierte Elektroingenieur in die Kramgasse zog, nur wenige Meter vom Zytglogge entfernt. «Zu dieser Zeit suchten sie in meiner Firma, die von der Stadt die Aufgabe bekam, zur Uhr zu schauen, jemanden, der das Mandat für den Zytglogge übernahm.» Ohne zu zögern meldete sich Marti. Seit seiner Pensionierung 2004 ist er bei der Stadt direkt angestellt. In dieser langen Zeit sei nicht immer alles nach Plan verlaufen. «Wenn die Uhr stehen bleibt, dann muss ich natürlich sofort ausrücken.» So geschehen vor ein paar Jahren. Er habe eines morgens einen Anruf einer Anwohnerin bekommen – sie sagte mir: «Ich habe ganz schlecht geschlafen, und jetzt weiss ich wieso! Die Uhr hat die ganze Nacht durch nicht geschlagen.»
Dann erzählt er von jenem Moment, als die Uhr nicht mehr aufhören wollte zu schlagen. «Die Leute hatten natürlich eine Heidenfreude daran», erinnert er sich. Beide Male konnte die Uhr aber schnell repariert werden.
Durch seine Arbeit wurde auch sein Interesse an Uhren geweckt. So besitze er mittlerweile eine grosse Uhrensammlung, und er sei ebenfalls schon an Vorlesungen und Symposien als Redner eingeladen worden. Denn der Zytglogge ist einzigartig – auch wegen des Astrolabiums, welches als eines von zweien in Europa noch funktionstüchtig ist. Seit 1405 zeigt es die Berner Lokalzeit, Wochentag, Datum, Tierkreiszeichen, Mondphase und Sonnenauf- und Untergang an.
Wenn es dann eines Tages soweit ist, dass er sein Amt abgeben müsse, so habe er immerhin schon seine Nachfolge regeln können, sagt Marti beruhigt – sein Sohn würde gerne in seine Fussstapfen treten. Der Zyt- glogge bleibt also in der Familie – und Hans von Tann wird die Zeit auch in Zukunft korrekt verkünden.

Annina Häusli