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Weltklasse im Sand – und im Salsa?

Die Bernerin, Olympia-Bronzemedaillengewinnerin, Europameisterin und WM-Vierte zusammen mit ihrer Partnerin Joana Heidrich, ist eine der weltbesten Beachvolleyballerinnen.

«We are family» sagte die Bernerin vor Jahren, als sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Zoé von SwissVolley interviewt wurde. Mit ihrer Standardpartnerin Joana Heidrich pflegt sie eine Beziehung, die freundschaftlich ist, bei der jedoch der sportliche Erfolg ganz klar im Vordergrund steht. Seit der Weltmeisterschaft in Rom im Juni ist dem Beachvolley-Traumduo das Lachen vergangen. Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré werden hart geprüft. Joana kämpft sich seit der schweren Schulterverletzung Schritt für Schritt in der Reha zurück in den Sand, Anouk kann aufgrund der Reglemente der Fédération Internationale de Volleyball (FIVB) zusammen mit ihrer vorübergehenden Partnerin Menia Bentele nur an wenigen Turnieren teilnehmen. «Für das entry ranking zählen die drei Bestresultate der letzten vier Turniere, für das World Ranking dagegen sind die Ergebnisse der vergangenen 365 Tage entscheidend, deshalb mache ich derzeit bei den Anlässen der World Tour nicht mit, das Risiko einer Verschlechterung im entry ranking ist zu gross.» Anders verhält es sich im World Ranking, wo Heidrich/Vergé-Dépré wegen der Inaktivität bereits von Rang 4 auf 12 zurückgefallen sind.

Wann kommt Heidrich wieder?
Die grosse Frage, welche die beiden Spitzenspielerinnen und die ganze Beachvolley-Schweiz derzeit beschäftigt: «Wann kommt Joana Heidrich zurück?» Eine Prognose zu stellen ist schwierig. Anouk Vergé-Dépré: Das rechte Schultergelenk ist beim Beachvolley das Wichtigste. Wir machen alles mit dem rechten Arm, meist über Kopf, da wird die rechte Schulter sehr stark beansprucht. Wir wollen kein Risiko eingehen, denn es stehen in den beiden nächsten Jahren viele wichtige Ereignisse bevor.» Klar – im Mittelpunkt sind die Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris, wo das Schweizer Duo – immer vorausgesetzt, Joana Heidrich findet zu ihrer alten Spielstärke zurück – zum engsten Favoritenkreis zählt. Vorerst ist Geduld gefragt, denn das Datum des Comebacks bildet die grosse Unbekannte.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Zum Beachvolleyball sind Anouk und ihre jüngere Schwester Zoé durch die Eltern gekommen. Mutter Sandra Bratschi spielte Volleyball, Vater Charles stammt aus Guadeloupe und war Mitglied der französischen Nationalmannschaft, so dass Anouk und Zoé schon als kleine Mädchen dabei waren, wenn die Eltern den Ball übers Netz schmetterten. Der Weg in die Weltklasse war für beide vorgezeichnet. «Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, wenn auch noch ein bisschen Blut aus Guadeloupe durch meine Adern fliesst», sagt Anouk Vergé-Dépré mit einem Lächeln. Sie bezeichnet sich selbst als weltoffen, anpassungsfähig, temperamentvoll, proaktiv und ungeduldig. Im Sport kennt sie nur eine Richtung: «Bei mir muss es immer vorwärtsgehen», sagt die Bernerin, die einmal mehr diejenigen Lügen straft, die behaupten, in der Bundesstadt gehe alles einen Zacken langsamer zu und her. Etwas langsamer geht dagegen ihr Studium in Kommunikationswissenschaft, Medienforschung und Betriebswirtschaft an der Uni Freiburg voran. «Das hat derzeit, mindestens bis zu den Olympischen Spielen, nur zweite Priorität», sagt sie mit einem Lachen, «doch es wird schon gut kommen». Genauso verhält es mit dem Salsa-Tanzen, einem Hobby, bei dem ihr wahrscheinlich das ausgeprägte Gefühl für die Bewegung zugutekommt. Kochen und Musik hören sind weitere Steckenpferde der Bernerin, das Saxophon, das sie in ihren jüngsten Jahren begleitete, steht unbenutzt im Schrank. Die Chancen, dass in Bern schon bald die nächste Candy Dulfer auftaucht, halten sich deshalb in engen Grenzen…

Die schwierigen Wechsel
Als Anouk Vergé-Dépré 2017 mit Joana Heidrich zusammenspannte, musste sie einen Wechsel vornehmen, der keineswegs leicht zu vollziehen ist. Spielte sie vorher vorne am Netz, musste sie in den Rückraum wechseln, ein Positionswechsel, vergleichbar mit dem Eishockeygoalie, der plötzlich am linken Flügel spielen muss. Jetzt gab es erneut einen einschneidenden Wechsel zu vollziehen, nicht auf der Position, sondern mit der Partnerin. Vorübergehend ersetzt die junge Menia Bentele am Netz Joana Heidrich. Mit ihr zusammen wird Anouk Vergé-Dépré am Wochenende auch auf dem Bundesplatz an den Schweizermeisterschaften teilnehmen. Obwohl dieser Anlass in sportlicher Hinsicht für die Spitzenspielerinnen von zweitrangiger Bedeutung ist, schätzt die Olympia-Bronzemedaillengewinnerin das Turnier. «Meine Eltern, meine Freunde und viele Bekannte sind vor Ort, die Ambiance mit viel Publikum ist perfekt, auf dem Bundesplatz fühle ich mich immer sehr wohl und es ist auch ein Anlass, an dem wir in der Schweiz für unseren Sport Werbung betreiben können.»

Gründerin der Spieler­vereinigung
Vergleichbar mit der ATP World Tour, die von der Spielervereinigung ATP veranstaltete Herrentennis-Turnierserie, gründete Anouk Vergé-Dépré 2017 zusammen mit der Holländerin Madelein Meppelink die Internationale Beachvolleyball Players Association (IBVPA). Die Bernerin ist überzeugt, dass auf der Volleyball-World Tour einiges im Argen liegt und verbesserungsfähig ist. Anouk setzt sich mit grossem Engagement für die Rechte und Bedürfnisse der Spielerinnen und Spieler ein. Jüngst auch, als sie zur medizinischen Versorgung ihrer Spielpartnerin in Rom öffentlich Stellung bezog.

Pierre Benoit

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