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Schon im Oktober will FlughafenCEO Urs Ryf Grosses verkünden

Seit rund einem Jahr gibt es am Flughafen Bern keinen regelmässigen Betrieb mehr. Für den neuen CEO Urs Ryf und seine Mitarbeitenden eine schwierige Situation. Doch es scheint Hoffnung zu geben.

Urs Ryf empfängt uns beim Checkin im Eingangsbereich. Leute sind nur wenige da. Der Flughafen Bern wirkt auch ein Jahr nach dem Skywork-Grounding seltsam leer. Eine Frau, die Mitarbeiterin eines Reisebüros, wartet auf Kunden, die wohl nicht kommen. Auf einem Bildschirm werden die Abflüge und Landungen dieser Woche angezeigt. Alle haben auf einer Seite Platz, obwohl erst Freitag ist. Ryf nimmt uns mit in die neu eingerichtete Abflughalle mit Lounge-Charakter. Hier können wir in aller Ruhe reden. Es ist ja niemand da.

Wie geht es dem Flughafen rund ein Jahr nach dem Skywork-Grounding?
Begreiflicherweise nicht so gut. Wir mussten bereits zweimal Personal abbauen, der Bestand wurde allerdings stabilisiert. Aktuell sind das 56 Vollzeitäquivalent, verteilt auf über 100 Köpfe.

Werden Sie privat wie auch beruflich noch häufig auf die Pleite angesprochen?
Hier vor Ort weniger, generell schon eher. Skywork hatte es geschafft, eine lokale Marke zu etablieren. Viele Leute denken, dass seit dem Grounding ab Belp gar keine Linien- und Charterflüge mehr abheben. Gegenwärtig haben wir aber 5 Destinationen im Angebot: Elba, Jerez, Menorca, Olbia und Palma.

Welche Emotionen verbinden Sie mit diesem Flughafen hier? Viele sagen, er gehöre zur Berner DNA.
Definitiv. Als Landeshauptstadt-Flughafen gehört eine gewisse Anbindung ans internationale Flugnetz mit dazu. Zudem hat der Airport eine 90-jährige Geschichte, den Geburtstag im Juli haben wir aus finanziellen Gründen aber kaum gefeiert. Er ist in der Region fest verankert und muss deshalb meiner Meinung nach noch lange eine wichtige Rolle spielen.

Es ist derzeit ziemlich ruhig hier – und das, obwohl aufgrund des Sommerflugplans doch einige Chartermaschinen starten und landen.
Mir ist es definitiv zu ruhig. Wir versuchen daher, Personal polyvalent einzusetzen, um Kosten zu sparen. Andererseits mussten wir in jüngster Zeit einige Kündigungen hinnehmen. Wenn es uns nicht gelingt, 2020 deutlich mehr Linien- und Charterverbindungen anzubieten, müssen wir das Geschäftsmodell des Flughafens Bern überdenken. Sprich: Eine Konzentration auf Businessflüge, Flüge des Bundes und Flüge der allgemeinen Luftfahrt wäre ein mögliches Szenario.

Wieso?
Weil wir punkto Sicherheit hohe Auflagen zu erfüllen haben. Sicherheitskontrollen und die damit verbundenen Kosten würden, sollten die kommerziellen Flüge eingestellt werden, grösstenteils wegfallen.

Wie realistisch ist dieses Szenario?
Für mich stellt es bewusst nur einen Plan B dar. Denn verschiedene Reiseveranstalter möchten nächstes Jahr, so wie bis 2018, mehrmals täglich fliegen. Deswegen bauen wir momentan kein weiteres Personal ab.

Wie gross ist das Minus denn Stand heute?
Letztes Jahr resultierte ein Verlust von einer Million Franken. Dieses Jahr wird der Verlust noch grösser sein.

Kommen wir zu Plan A. Erklären Sie uns Ihr realistisches Szenario.
Charterflüge im Sommer sind im Grunde genommen ein Null-Risiko-Geschäft, weil das Risiko von den Reiseveranstaltern und nicht von der Airline selbst getragen wird. Ergänzend dazu versuchen wir ab 2020 wieder 1-2 Liniendestinationen anzubieten. Im Fokus stehen hier München und allenfalls London. Wir prüfen auch Optionen für Wintercharter-Verbindungen, ich denke insbesondere an Skitouristen aus Nordeuropa.

Wohin könnte man mit den Chartermaschinen in die Sommerferien fliegen?
Zusätzlich zu den heutigen 5 Destinationen prüfen wir gemeinsam mit unseren Reiseveranstalter-Partnern für 2020 Destinationen in Kroatien, Griechenland, Korsika und andere.

Die Berner Kantonsregierung würde den Flughafen gerne subventionieren, allerdings gibt es grossen Widerstand von links-grüner Seite. Wie schlimm wäre es, wenn Sie das Geld nicht erhalten würden?
Ganz ehrlich: relativ schlimm. Wir brauchen diese Mittel dringend, um unsere Infrastruktur zu erneuern. Es gibt grossen Sanierungsbedarf, der in den letzten Jahren hinausgeschoben wurde, weil das Geld dazu fehlte. Abgesehen davon, dass das Geld explizit nicht dazu dienen dürfte, unser Betriebskostendefizit zu decken oder Anschubhilfe für etwaige Airlines zu leisten.

Die Kantonsregierung ist Ihnen wohlgesinnt, was man von der Stadtregierung weniger behaupten kann. Sie hat vor einigen Wochen sogar den Klimanotstand ausgerufen.
Dazu möchte ich mich nicht äussern, da ich den Gemeinderat noch nicht kenne. Was sich sagen lässt: Auf Stufe Kanton spüren wir grossen Support. Wir gehen jedoch davon aus, dass es zu einem Referendum kommen wird. Das ist legitim. Ich stelle jedoch fest, dass gewisse Kreise davon ausgehen, dass eine Ablehnung des Flughafengesetzes mit einer Schliessung des Flughafens gleichgesetzt wird, was nicht zutrifft. Ein mögliches Szenario ist, dass der Flughafen als Business Airport durch private Investoren weiterbetrieben würde.

Der Pachtvertrag läuft ja sowieso noch jahrzehntelang weiter. Dennoch spielt Ihnen der aktuelle Zeitgeist nicht unbedingt in die Hände.
Das stimmt. Doch man soll mit Fakten argumentieren. Und Fakt ist, dass die Luftfahrt weltweit – einen gesamten CO2 -Anteil von rund 2,7 Prozent mitverursacht. Zudem ist die Aviatik in den letzten dreissig Jahren, gemessen am Kerosin, um mehr als vierzig Prozent effizienter geworden. Dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen, man sucht im Bereich der Flugpetrolherstellung nach Alternativen. Ausserdem kompensieren wir den verursachten CO2 -Ausstoss für die ab Bern abfliegenden Passagiere, indem wir Plant-for-the-Planet unterstützen und Bäume pflanzen lassen.

Trotzdem bevorzugen aus Gründen des Klimaschutzes immer mehr Menschen den Zug – oder zumindest das Auto.
Bleiben wir bei den Fakten: Wer fliegt, verbraucht pro hundert Kilometer rund 3,5 Liter Treibstoff. In einem durchschnittlichen Fahrzeug müssen Sie also mindestens zu zweit fahren, um ebenso effizient unterwegs zu sein. Und das ist bloss der Vergleich mit dem Privatverkehr – vom Schwerverkehr wollen wir erst gar nicht reden.

Was sagen Sie militanten Flug-Gegnern?
Der Mensch hat ein Mobilitätsbedürfnis, das wird sich in den nächsten Jahrzehnten kaum ändern. Für Reisen über grössere Distanzen gibt es keine realistischen Alternativen. Solange es diese Nachfrage gibt, ist es legitim, sie zu befriedigen. An einer Podiumsdiskussion mit Fluglärmgegnern outeten sich kürzlich übrigens die meisten Teilnehmenden als sporadische Flieger. Das fand ich doch sehr sympathisch. Und mit dem Schiff über den Atlantik segeln, wie es Greta Thunberg plant, ist nun mal keine echte Alternative für eine Reise nach Amerika.

Ex-Skywork-Chef Martin Inäbnit erklärte in einem offenen Brief, man würde, statt in den Flughafen, besser in eine Airline investieren.
Die Aussage ist nicht falsch. Als Anbieter einer Infrastruktur steht diese aber für mich klar im Vordergrund. Der Bund finanziert ja auch in erster Linie Schiene und Strasse. In anderen Fällen wird der Betreiber direkt subventioniert, das kann Sinn machen. Wir sind allerdings keine Randregion, in der strukturelle Defizite ausgeglichen werden müssten.

Zurück zu Ihrem Plan A: Wann können Sie das Flugprogramm für 2020 verkünden?
Ich hoffe, dass ich das im Oktober bekanntgeben kann. Das ist mein persönliches Ziel, damit unsere Mitarbeitenden ein ruhiges Weihnachtsfest feiern können und ihr Arbeitsplatz bis auf Weiteres gesichert ist.

Reden wir eigentlich von einer neuen oder einer bestehenden Airline?
Die bestehenden Airlines verlangen vom Flughafen finanzielle Risikogarantien, welche wir in der aktuellen Situation nicht leisten können. Wir prüfen gegenwärtig alle Optionen. Auch die Gründung einer sogenannten virtuellen Fluggesellschaft wird gegenwärtig geprüft. Eine Art Reiseveranstalter also ohne eigene Flugzeuge. Diese werden eingemietet. Die Airline vermarktet die Flüge aber unter eigenem Namen, auch das Flugzeug wäre mit diesem Brand beschriftet, und die Flugbegleiter würden Bernoder Schweizerdeutsch reden. Wir möchten eine kleine Berner Airline etablieren, welche die Grundwerte unserer Region verkörpert.

Zum Schluss: Wie häufig fliegen Sie eigentlich selbst?
In den letzten Jahren nicht so häufig, konkret etwa zwei- bis dreimal pro Jahr. Meine Frau, unser Sohn und ich geniessen die Schönheit der Schweiz. Auch, weil wir einen Hund und ein Pferd besitzen – weniger aus CO2 -technischen Gründen.

Yves Schott

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